Vom Schwergewicht zum Gleichgewicht

Wer glaubt, dass ich nun bei 80 Kilogramm angekommen bin und ein Leben in einem durchtrainierten Körper führe, den muss ich leider enttäuschen. All die lauten Kritiker, die prognostizierten, dass ich nach meinem Marathon an meinem 37. Geburtstag wieder fett werde, hatten leider recht: Ich wiege momentan stattliche 135 Kilo.

Meine Mission „Unter 100“ ist gescheitert, erledigt, begraben.

Wie es dazu kam und warum ich heute entschlossener, motivierter und vor allem erfahrener als je zuvor ein neues Ziel verfolge, darüber möchte ich hier berichten. Ehrlich und ohne Selbstbeschiss.

Ein Bierchen hier, ein Törtchen da

Ich war am 1. Januar 2015 als 160-Kilo-Koloss angetreten, um mit Spaß, gesund und in den Alltag integriert abzunehmen. Ich bin mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, habe regelmäßig Nordic Walking und gelegentlich Aqua Jogging gemacht. Die schlimmsten Ernährungssünden wie gezuckerte Getränke, Pommes, Pizza und Alkohol habe ich konsequent weggelassen.

Und siehe da: Wenn man mehr Energie verbraucht, als man zu sich nimmt, verliert man Gewicht. Nach knapp zwei Jahren hatte ich 50 Kilo abgenommen, am Tag des Berlin-Marathons im September 2016 wog ich 108 Kilo. Das Ziel erreichte ich in 04:56:04 Stunden, anschließend habe ich sogar noch mit Familie und Freunden gefeiert.

Ab da begann jedoch – rückblickend betrachtet – die Rolle rückwärts in alte Gewohnheiten. Ich lockerte die Zügel und gönnte mir öfter mal etwas. Ein Bierchen hier, ein Törtchen da. Was zwei Jahre lang gar nicht auf meinem Speiseplan gestanden hatte, oder ich mir als „Sünde“ einmal pro Woche erlaubt hatte, genoss ich ab diesem Zeitpunkt wieder regelmäßig.

Alles lief scheußlich schief

Bis zur Triathlon Challenge gegen meinen ehemaligen Kollegen Hajo Schumacher im September 2017 nahm ich so fast unbemerkt zehn Kilo zu. Weil ich aber nicht nur regelmäßig joggte, sondern zusätzlich auch mehrere 100 Kilometer pro Woche mit dem Rennrad absolvierte und regelmäßig Schwimmen ging, bereiteten mir die zusätzlichen Kilos keine Sorgen.

Im Video: Mission Marathon – Ex-160-Kilo-Mann erfüllt sich seinen großen Traum

Nach dem Triathlon allerdings fehlten mir die Ziele – und mein Schweinehund samt alter Essgewohnheiten gewann in den kommenden Monaten die Oberhand: Ich nahm noch weiter zu. Weniger Sport und schlechte Ernährung waren das eine, es kamen aber auch Stress in der Familie und der Tod eines sehr guten Freundes hinzu. Zusätzlich verlor ich meinen Job und wurde von vermeintlichen Freunden enttäuscht.

Ich fühlte mich wie 20 Jahre zurückversetzt in die Zeit, als ich noch ein aufstrebendes Fußballtalent war, das vom Profifußball träumte – und als ein Kreuzbandriss alles kaputt machte. Damals waren plötzlich mein liebstes Hobby und meine Freunde aus der Mannschaft weg, meine Freundin verließ mich. Ich schaffte mein Abi nicht und wurde zum Mobbingfall im Ausbildungsbetrieb.

Auch 2018 schien alles nur scheußlich schiefzulaufen. Anders als im Alter vor 18 Jahren aber wusste ich immerhin, dass man so ein Tief überwinden kann. Dass Jammern nicht hilft, Verdrängen aber auch nicht.

Tiefschläge sind Teil des Lebens

Ich kämpfte mich Schritt für Schritt – mit mittlerweile 15 Kilo mehr am Leib – zurück ins Leben. Neuer Job, neue Stadt, neue Kollegen, neue Freunde. Das alles kostete mich Energie, Kraft und vor allem Zeit, die mir am Ende des Tages für Bewegung und gesunde Ernährung fehlten.


Gleichzeitig waren Frust und Einsamkeit oft stärker als mein Kampfgeist. Ich war häufig krank und bewegte mich noch weniger. Inzwischen wog ich 135 Kilo und hatte einen Blutdruck von 160/130 mmHg. In meiner Brust spürte ich häufiger ein Stechen. Als mein Arzt Ende 2018 auch noch eine Thrombose in meinem Bein entdeckte und ein Tumor als Ursache vermutet wurde, machte sich in mir ein einziges Gefühl breit: Angst. Ich war genau dort gelandet, wo ich nie wieder hinwollte.

Heute weiß ich: All diese Rück-, Schicksals- und Tiefschläge sind Teil des Lebens. Ich gestehe mir mein Scheitern ein. Aber ich will mich wieder um mich und meine Gesundheit kümmern, ich möchte der Verantwortung für mein Kind gerecht werden. Ernährung soll keine Religion werden und Sport Spaß machen. Ich will weg von höher, schneller, weiter, weg von einer Zahl. #vomschwergewichtzumgleichgewicht ist mein neues Credo.

Als Botschafter der Dicken kämpfe ich für die Entstigmatisierung von Übergewichtigen. Wir sind nicht krank, faul oder undiszipliniert. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Aber ich bin davon überzeugt, dass keine Situation ausweglos ist.

Den Weg zu meinem Wohlfühlgewicht, auf dem ich mich mit den Themen Bewegung, Ernährung und mentaler Gesundheit beschäftigen will, werde ich hier und in meinem Tagebuch auf www.michaelklotzbier.de wieder in regelmäßigen Abständen dokumentieren.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen