Persönliche Gesundheit

„Für einige war ich gedanklich schon tot“

Bevor sich Chanel A. ihre schulterlangen blonden Haare abrasiert, zwinkert sie ihrem Spiegelbild zu und kichert. Zum ersten Mal seit Wochen hat sie das Gefühl, selbst über sich bestimmen zu können. Chanel, 25 Jahre alt, weiß: Früher oder später werden ihre Haare ausfallen. Durch die Chemo fühlen sie sich schon so weich an wie gekochte Spaghetti.

Mit jeder Haarsträhne, die ins Waschbecken sinkt, fällt eine Last von ihr. Sie hat bestimmt, wann sie ihre Haare verliert, nicht der Krebs. Per Video hält sie die Szene fest, zunächst für sich selbst. Doch dann lädt sie das Video bei YouTube hoch. Alle sollen sehen: Sie hat noch immer die Kontrolle über ihr Leben. Das war 2014. Das Video wurde seitdem mehr als 1,2 Millionen Mal geklickt.

Nur Stunden bevor sie sich den Kopf rasierte, hatte Chanel den ersten Geburtstag ihrer Tochter gefeiert – mit Mundschutz und Handschuhen zwar, aber mit Haaren. Sie hatte so sehr gehofft, dass der Haarausfall noch eine Weile ausbleiben würde. „Nur bis zu Mausis Geburtstag durchhalten“, hatte sie sich immer wieder gesagt. Mit Glatze wollte sie auf keinen Fall den ersten Geburtstag ihrer Tochter feiern. Und sie hatte es geschafft.

Es war Mitte Dezember 2014, als Chanel das erste Mal ahnte, dass sie ernsthaft krank ist. Wochenlang hatte sie gehustet, manchmal so sehr, dass sie sich erbrechen musste. Ihre Haut juckte oft, sie verlor immer mehr Gewicht, wog nur noch 43 Kilogramm. Zuerst brachte sie das mit der Geburt ihrer Tochter in Zusammenhang. Die war gerade elf Monate alt. Vielleicht die Hormonumstellung nach der Schwangerschaft, oder bildete sie sich die Symptome sogar nur ein? Doch die Entzündungswerte in ihrem Blut schossen in die Höhe, trotz Antibiotika.

Schließlich saß sie bei einem Radiologen. Er sah auf die Röntgenbilder und wurde plötzlich ernst. „Sie müssen sich auf eine lange Zeit im Krankenhaus einstellen.“ Mehr wollte er nicht sagen. Auch in der Klinik gab es zunächst keine Klarheit. Die Ärzte sprachen nur nebulös von einer „Masse“, die auf Chanels Luftröhre drückte. So erklärten sie den Husten. Niemand sprach die Diagnose laut aus. Dann fragte eine Krankenschwester, ob sich der Verdacht bestätigt habe.

„Ich hätte es gern anders herausgefunden“

Erst durch die Antwort des Arztes erfuhr Chanel, dass sie Krebs hat. In ihrer Krankenakte las sie später, dass bereits der Radiologe die richtige Diagnose gestellt hatte. Er wollte wohl nicht der Überbringer der schlechten Nachricht sein. „Ich hätte es gern anders herausgefunden“, sagt Chanel. „Weniger beiläufig.“

Die Ärzte diagnostizierten einen eher seltenen Lymphdrüsenkrebs, ein sogenanntes Hodgkin-Lymphom. Nur wenige Tausend Menschen erkranken in Deutschland daran jedes Jahr. Wie Chanel sind die Betroffenen meist jung. Die möglichen Ursachen sind weitgehend unbekannt. Einige Studien weisen darauf hin, dass Pfeiffersches Drüsenfieber und Rotaviren die Erkrankung begünstigen könnten.

Nach der Diagnose saß Chanel in ihrem Krankenhausbett und hatte plötzlich viele Fragen: Wie sagt sie es der Familie? Soll sie die Krankheit verheimlichen? Wird ihre Tochter ohne sie aufwachsen? Schließlich erzählte sie ihrer Mutter von der Diagnose – am Telefon. Ihren Freund anzurufen, das brachte sie nicht übers Herz.

Als sie nach stundenlangen Untersuchungen ins Krankenzimmer zurückkam, war es voll mit ihren Verwandten. Ihr Freund Sven A. hielt „Mausi“ auf dem Arm. Die Familie ahnte Schlimmes, denn über der Station, die sie gemeinsam betreten hatte, stand in großen Buchstaben: ONKOLOGIE. Alle starrten Chanel an, wollten wissen, was los ist. Chanels Antwort fiel kurz aus: „Ich habe Krebs.“ Sie hätte es gern anders gesagt, schonender.

Alle weinten. In den kommenden Tagen dachte Chanel häufig: „Für einige bin ich gedanklich schon tot.“ Ihr Vater brach ständig in Tränen aus, wollte sie jeden Tag besuchen. „Solange er sie noch hat“, sagte er. Sie schrieb ihm eine WhatsApp, er solle sie erst wieder besuchen, wenn er nicht mehr weint.



Je mehr ihre Familie verzweifelte, desto entschlossener kämpfte Chanel. Und ihre Chancen standen gut: Etwa 85 Prozent der Hodgkin-Patienten sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Aber Chanels Familie misstraute den Heilungschancen, auch ihr Freund. Er hatte erlebt, was Krebs bedeutet, hatte gesehen, wie sein Onkel daran starb. Chemotherapie bedeutete für ihn: Tod.

Chanel war sich indes sicher: Sie wird überleben. Sie lachte, sprach allen Mut zu – und fühlte sich dabei manchmal wie eine Therapeutin. Schon immer hatte sie lieber dafür gesorgt, dass es allen anderen gutgeht. „Sie war viel stärker als ich“, erzählt Sven heute. „Die Diagnose hat sie verändert. Vorher war sie eher introvertiert, der Krebs hat sie selbstbewusster gemacht. Ich bin sehr stolz auf sie.“

„Noch bin ich es“

Die Diagnose machte Chanel in vielem klarer. Sie beschloss, auf keinen Fall in ihren alten Job in einer Frankfurter Anwaltskanzlei zurückzukehren. Also schrieb sie ihrem Chef, dass sie kündige, um Tagesmutter zu werden. Auch ihre Gefühle wollte sie nicht länger verstecken. In einem Blog führte sie öffentlich Tagebuch. „Ich fühle mich weder tot, noch bin ich es“, schrieb sie dort.

Wer Chanel in ihrer Wohnung in der Nähe von Frankfurt am Main besucht, ahnt nichts von ihrem Kampf ums Überleben. Die blonden Haare der zierlichen Frau mit den großen blauen Augen sind noch länger als vor dem Krebs, auch die Augenbrauen und Wimpern sind nachgewachsen.

Ihr Wohnzimmer verrät sofort, dass Chanel inzwischen als Tagesmutter arbeitet, wie sie es sich lange gewünscht hatte. Ein Spielteppich liegt vor dem Fernseher, das Sofa ist extra niedrig und breit, sodass die Kinder darauf toben können.

Sven und Chanel in ihrer Wohnung in der Nähe von Frankfurt am Main

Im Schneidersitz auf dem Sofa erzählt sie von ihrer Krankheit. Sie ist eine sehr gute Beobachterin, kann genau beschreiben, wie der Krebs ihr Leben verändert hat. Sie hat es bis ins Detail reflektiert. Nicht einmal ihre Stimme zittert. Nur wenn es um ihre Tochter geht, steigen ihr Tränen in die Augen.

Über ihre Therapie wollte sie von Anfang an mitbestimmen, erzählt sie. Als sie operiert werden musste, bestand sie darauf, dass die Ärzte keinen Schnitt an ihrem Hals machen. Sie träumte schon seit Jahren von einem tief ausgeschnitten Hochzeitskleid. Eine Narbe, die alle Gäste an den Krebs erinnert, konnte sie nicht brauchen. Der Eingriff erfolgte schließlich über die Brustfalte. Dafür nahm Chanel auch in Kauf, dass ihre Lunge zunächst eingeklappt und anschließend wieder aufgeblasen werden musste.

Sie wollte auch während der Chemo als Frau wahrgenommen werden. Sie malte ihre Augenbrauen nach, zog sich einen dicken Lidstrich, als ihr die Wimpern ausfielen, besuchte einen Kurs, bei dem sie lernte, sich so zu schminken, dass sie gesünder aussieht.

Sie trennte sich auch von Ängsten. Sie wusste zwar, dass Sven „Mausi“ abgöttisch liebte, er hatte sie gewickelt, gefüttert, mit ihr gespielt. Aber nachts war er bisher nie aufgewacht, wenn die Kleine geweint hatte. Das wurde nun anders. Jetzt wachte Sven auf, und zwar beim kleinsten Mucks. Für Chanel war das eine große Erleichterung. Sie freute sich sogar auf die Chemo. Für sie bedeutete die Therapie den Weg zurück ins Leben, nicht in den Tod, trotz der heftigen Nebenwirkungen.

In Svens Augen war die Chemo eine Qual. Chanel war oft kaum ansprechbar, schlief viel, ständig war ihr schwindelig, sie halluzinierte. Das mit anzusehen, war für den damals 28-Jährigen eine Tortur. Noch immer fürchtete er, dass er Chanel verlieren würde.

„Mittlerweile bin ich gelassen“

Das änderte sich erst, als ihr Husten plötzlich aufhörte. Denn das musste bedeuten: Der Tumor war geschrumpft. Von da an dann glaubte auch Sven daran, dass Chanel wieder gesund werden kann.

Nach gut sechs Monaten Therapie fanden die Ärzte keine Krebszellen mehr in Chanels Körper. Eine zusätzliche Bestrahlung lehnte sie ab, auch wenn diese die Wahrscheinlichkeit senken könnte, dass der Krebs zurückkommt. Das Risiko für Langzeitschäden durch die Bestrahlung war ihr zu hoch.

Alle sechs Monate kontrollieren Ärzte seitdem, ob sich der Krebs erneut in ihrem Körper ausbreitet. „Anfangs war ich jedes Mal nervös, aber mittlerweile bin ich gelassener“, sagt sie. Für sie spielt der Krebs kaum noch eine Rolle in ihrem Leben.

Für andere schon. Sie hat beispielsweise keine Chance auf eine bezahlbare Lebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung. Sven und sie würden auch gern ein Kind adoptieren. Ob sie mit ihrer Krebserkrankung die Möglichkeit bekommen, wissen sie nicht. Chanel nimmt es gelassen: „Gerade geht es mir gut und ich habe große Pläne. Ich habe keine Zeit für Krebs.“

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