Immer wieder predigen Eltern, dass Zucker schwarze Löcher in die Zähne frisst, doch das Problem ist nicht der Zucker an sich. Schuld sind vielmehr kleine Bakterien, die bei Eis, Schokolade oder Baguette mitessen. Bevor die Leckereien Richtung Magen wandern, zersetzen sie im Mund einen kleinen Teil der darin enthaltenen Zucker und anderer einfacher Kohlenhydrate. Dabei produzieren sie den eigentlich fatalen Stoff: Säure.
Auch wenn die Zähne vom härtesten Material des Körpers umgeben sind, dem Zahnschmelz, kommen sie nicht allein gegen die Säuren an. Ohne eine gute Pflege kommt es erst zu kleinen Lücken, die in schmerzhafte Löcher münden. Die beste, aber unter Kritikern auch am meisten verkannte Unterstützung gegen Karies bietet dabei nicht das Zähneputzen an sich, sondern ein Spurenelement, das in den Zähnen auch natürlicherweise vorkommt: das Fluorid.
Fluorid verhindert rund 40 Prozent der Kariesfälle
„Wer seine Zähne heute mit einer guten, fluoridhaltigen Zahnpasta putzt, kann allein durch das Fluorid rund 40 Prozent der Kariesfälle verhindern“, sagt Stefan Zimmer, der an der Universität Witten Herdecke den Lehrstuhl für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin leitet. „Dabei wirkt das Fluorid noch deutlich stärker als das Zähneputzen an sich.“
Bei Fluorid handelt es sich um ein Spurenelement, das überall in unsere Umwelt vorkommt, auch im Wasser und in Lebensmitteln. Bereits 1802 fanden Forscher heraus, dass sich in menschlichen Zähnen Fluoride befinden; 1850 konnten Wissenschaftler nachweisen, dass fluoridhaltiger Schmelz säureresistenter ist. Heute wissen Forscher im Detail, wie das Spurenelement die Zähne vor Karies schützt.
Trotz ihrer Härte besteht die Oberfläche des Zahnschmelz aus einem Gitter, in dessen Lücken Mineralien eingelagert sind. Säure löst diese Mineralien hinaus, es entsteht ein erstes kleines Loch, das sich zu Karies weiterentwickeln kann. Fluorid wirkt dem gleich auf verschiedenen Wegen entgegen. Kommt es mit dem Zahnschmelz in Kotakt, lagert es sich selbst in das Gitter ein. Außerdem erleichtert es den Einbau der Mineralien und legt sich wie ein Film auf den Zahn, so dass Säuren gar nicht erst bis zum Schmelz durchdringen können.
Höhere Dosierung, bessere Wirkung
Für die Wirkung muss das Fluorid von Erwachsenen nicht geschluckt werden, es wirkt in der Mundhöhle, wenn es auf den Zahn trifft. Studien haben gezeigt, dass mit der Fluoridmenge in Zahnpasten die Schutzfunktion steigt. Aus diesem Grund sollte die Zahnpasta für einen Erwachsenen mindestens zu 0,1 Prozent aus Fluorid bestehen. Noch besser ist es, wenn der Anteil nah am Grenzwert von 0,15 Prozent liegt. In diesen Dosierungen besteht bei ordnungsmäßigem Gebrauch auch kein Risiko, das Spurenelement zu überdosieren.
„Noch vor zehn bis 15 Jahren haben viele Hersteller den möglichen Rahmen nicht ausgeschöpft und nur 0,1 Prozent oder noch weniger Fluorid in die Zahnpasten gegeben“, sagt Zimmer. Heute enthielten die Zahnpasten im Schnitt rund 20 Prozent mehr Fluorid als damals – unter anderem, weil Institutionen wie die Stiftung Warentest immer wieder auf die positive Wirkung hingewiesen hatten.
Der Erfolg lässt sich in der Kariesstatistik ablesen. Während 1990 noch jeder Zwölfjährige in Deutschland im Schnitt vier Karieszähne hatte, waren es 2006 nur noch 0,7. „Dieser Erfolg ist natürlich nicht allein auf Fluoridzahnpasten, sondern auf die insgesamt in Deutschland viel besser gewordene Prophylaxe zurückzuführen. Aber Fluoridzahnpasten haben sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet“, sagt Zimmer. „Die Gene spielen bei Karies kaum eine Rolle.“
Fluoridiertes Salz: Nebenbei-Pflege?
Neben der fluoridierten Zahnpasta bieten Drogeriemärkte, Apotheken und Zahnärzte häufig auch spezielle Mundspülungen und Gele mit Fluorid an. „Das ist nur notwendig, wenn das Kariesrisiko sich allein mit der Zahnpasta nicht beherrschen lässt“, sagt Zimmer. „Wenn der Zahnarzt trotz regelmäßigem Zähneputzen jedes Mal bohren muss.“ Engstehende Zähne oder feste Zahnspangen können unter anderem Gründe für ein erhöhtes Kariesrisiko sein.
Wer seine Zähne bei jedem Essen schützen möchte, kann zudem Salz verwenden, das für diesen Zweck mit Fluorid angereichert wurde und das es sogar bei vielen Discountern zu kaufen gibt. „Der Vorteil ist, dass das Salz immer direkt an die Zähne kommt, wenn man etwas isst und genug Kohlenhydrate für die Bakterien da sind“, sagt Zimmer. Die Fluoridmengen in dem Salz seien dabei so gering, dass sie trotz Verschlucken nicht schaden, stellte das damals zuständige Bundesinstitut bereits 1999 fest.
Dennoch sollten Zahnbesorgte mit ihrem Arzt sprechen, wenn sie neben Salz und Zahnpasta noch weitere fluoridierte Produkte nutzen wollen. Bei einer dauerhaften und extremen Überdosierung (10 bis 25 Milligramm Fluorid pro Tag über mehr als zehn Jahre) können Knochen und Zähne Schaden zu nehmen. Bei einer normalen Ernährung und einer normalen Kosmetiknutzung ist dies allerdings kaum möglich: Mit der Zahnpasta kommen Erwachsene auf bis zu 0,72 Milligramm Fluorid pro Tag, das Salz enthält 0,25 Milligramm pro Gramm – deutlich geringer als die Mengen, die krankmachen würden.
SONDERFALL: STREIT BEI DER PROPHYLAXE FÜR KINDER
Bei Kindern besteht im Vergleich zu den Erwachsenen ein spezielles Risiko der Überdosierung: Während sich ihre Zähne im Kiefer bilden, kann der Körper Fluorid auch über die Blutbahn in den Zahnschmelz einbauen. Kommt es dann zu vergleichsweise geringen Überdosierungen (0,1 Milligramm Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht und Tag statt den empfohlenen 0,05 Milligramm Fluorid) kann sich das Spurenelement in größeren Mengen im Zahnschmelz ansammeln und hinterlässt dort weiße Wolken oder feinen Linien. Den Zähnen schadet das nicht, es handelt sich um ein rein kosmetisches Problem.
Ab einem Alter von sechs Jahren, wenn der erste bleibende Zahn durchbricht, ist das Risiko der Zahnfluorose in der Regel gebannt. Ab diesem Alter sollten Kinder eine normale Erwachsenenzahnpasta benutzen. In diesem Punkt sind sich die Mediziner in Deutschland einig. Darüber, was für Vorschulkinder gut ist, streiten sich jedoch Zahn- und Kinderärzte. Selbst in den Behandlungsleitlinien konnten sie sich nicht auf eine Empfehlung einigen.
Zum einen existieren für Kinder im Vorschulalter spezielle Kinderzahnpasten mit einem gesenkten Fluoridgehalt (nur 0,05 Prozent). Daneben gibt es noch spezielle, verschreibungspflichtige Fluoridtabletten für kleine Kinder, die gelutscht und geschluckt werden.
Die Zahnärzte raten dazu, sobald der erste Milchzahn durchbricht, Kindern einmal am Tag mit einem dünnen Film Kinderzahnpasta die Zähne zu putzen und ab einem Alter von zwei Jahren zweimal täglich eine erbsengroße Menge zu nutzen. Spezielle Fluoridtabletten für Kleinkinder sind demnach nicht notwendig, da das Fluorid schon bei den Kleinen in erster Linie über die Zahnoberfläche wirke und die Kinder es sonst unnötig schluckten.
Die deutschen Kinderärzte sind da anderer Ansicht: In Studien sei bisher nicht eindeutig nachgewiesen, dass eine so geringen Fluoridmenge wie in den Kinderzahnpasten überhaupt die Zähne schütze, heißt es in ihrem Abschnitt. Außerdem verschluckten Kleinkinder immer einen Teil der Zahnpasta, und diese sei ein Kosmetikum und kein Nahrungsmittel. Aus diesem Grund empfehlen sie, Kindern stattdessen die Fluoridtabletten zu geben – damit landet das Fluorid allerdings im Körper. Aus diesem Grund sollten die Eltern dann auf fluoridierte Salze verzichten.
Im Ausland haben die Mediziner bereits eine ganz andere Lösung gefunden: Unter anderem in den USA wird empfohlen, schon Kleinkindern ab zwei Jahren mit geringsten Mengen an Zahnpasta mit 0,1 Prozent Fluorid oder mehr die Zähne zu putzen, dann ist die Wirkung sicher nachgewiesen. Die Europäische Lebensmittelbehörde hält dieses Vorgehen auch bei Kindern unter sechs Jahren für unbedenklich.
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